Der Lehrstellenmarkt befand sich in den letzten Jahren in einer angespannten Lage. Viele Ausbildungsplatzbewerber – besonders Hauptschulabsolventen – mussten zunächst den Weg über eine berufsvorbereitende Maßnahme wählen. Die hier vorgelegte und im Auftrag des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg vom Statistischen Landesamt durchgeführte Modellrechnung geht in drei Szenarien der Frage nach, wie viele Schulabsolventen in den kommenden Jahren einen Ausbildungsplatz nachfragen könnten.
Die Entwicklung des tatsächlichen Bedarfs an Ausbildungsplätzen ist von vielen Einflussgrößen abhängig. Neben der Zahl der Schulabgänger spielen hier die Angebote an möglichen Alternativen zur dualen Ausbildung, wie berufsqualifizierende Maßnahmen, schulische Vollzeit-Bildungsgänge, Studienmöglichkeiten und andere freiwillige oder verpflichtende Tätigkeiten (z.B. Freiwilliges Soziales Jahr, Wehr- oder Zivildienst) eine Rolle. Deswegen wird mit dem hier beschriebenen Ansatz nicht versucht, eine möglichst »realistische« Prognose der Neuabschlüsse von Ausbildungsverträgen vorzulegen. Diese Modellrechnung soll vielmehr aufzeigen, wie viele Ausbildungsverträge abgeschlossen würden, wenn auf Grundlage der erwarteten Schulabgängerzahlen bestimmte Annahmen eintreffen würden.
Das duale System der Ausbildung in gesetzlich anerkannten Ausbildungsberufen ist nach wie vor der zentrale Bereich der Berufsausbildung in Deutschland. Im Jahr 2005 wurden in Baden-Württemberg fast 73 100 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, knapp 500 weniger als im Jahr davor. Im Jahr 2006 war dagegen wieder ein Anstieg um mehr als 3 000 auf gut 76 100 zu verzeichnen. Die Berufsbildungsstatistik gibt allerdings keine Auskunft darüber, ob damit der Bedarf an Ausbildungsplätzen aus Sicht der Bewerber gedeckt war. Neben dem dualen System steht den Ausbildungswilligen auch die Möglichkeit einer rein schulischen Berufsausbildung offen. Fast 31 000 Jugendliche schlugen im Jahr 2005 diesen Weg ein. Nach den Ergebnissen der Schulstatistik hatten gut drei Viertel von ihnen als schulische Qualifikation einen mittleren Bildungsabschluss, fast ein Sechstel die Fachhochschul- oder Hochschulreife. Die Zahl von knapp 17 000 Schülerinnen und Schülern im Berufsvorbereitungsjahr und in vergleichbaren Bildungsgängen zeigt aber, dass nicht alle Jugendlichen einen Ausbildungsplatz finden konnten.
Aufbauend auf die im letzten Jahr veröffentlichte Absolventenvorausrechnung wird hier eine Modellrechnung zum Ausbildungsplatzbedarf vorgelegt. Als Rahmen für die Bestimmung der Annahmen wurden drei Szenarien entwickelt: »Status quo«, »Durchschnitt 2001 bis 2005« und »Vollversorgung«:
Im ersten Szenario werden die Verhältnisse des Ausbildungsjahres 2005 für die kommenden Jahre beibehalten. Die nach Schulabschlüssen differenzierten Übergangsquoten in die duale Berufsausbildung bleiben damit bis 2020 auf dem für 2005 ermittelten Niveau:
| ohne Hauptschulabschluss | 11,9 % |
|---|---|
| mit Hauptschulabschluss | 61,1% |
| mit mittlerem Abschluss | 53,0% |
| mit Hochschul- oder Fachhochschulreife | 21,3% |
Im zweiten Szenario wird für die Übergangsquoten der Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2005 angesetzt. Damit beziehen sie sich auf Jahre, in denen die von der Bundesagentur für Arbeit berechnete Angebots-Nachfrage-Relation für Ausbildungsplätze in Baden-Württemberg teils über und teils unter 100,0 % lag. Daraus ergeben sich folgende Ansätze:
| ohne Hauptschulabschluss | 16,5 % |
|---|---|
| mit Hauptschulabschluss | 70,9% |
| mit mittlerem Abschluss | 53,8% |
| mit Hochschul- oder Fachhochschulreife | 18,4% |
Im dritten Szenario wird angenommen, dass die Schulabsolventen mit mittlerem Abschluss, Fachhochschul- oder Hochschulreife entsprechend den Verhältnissen im Jahr 2005 Ausbildungsplätze nachfragen (wie in Szenario 1). Darüber hinaus sollen alle Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss sowie alle Absolventen allgemein bildender Schulen mit Hauptschulabschluss mit Ausbildungsplätzen versorgt werden. Hiervon wird allerdings noch die Zahl derjenigen Hauptschulabsolventen abgezogen, die an einer 2-jährigen Berufsfachschule die Fachschulreife anstreben.
Entsprechend den gewählten Annahmen liefert Szenario 1 »Status quo« die niedrigsten Werte und Szenario 3 »Vollversorgung« die höchsten (Schaubild 1). Für das vergangene Jahr 2006 ergaben sich je nach Szenario zwischen 75 100 und 82 200 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Damit wären zur Erhaltung des status quo des Jahres 2005 etwa 2 000 zusätzliche Ausbildungsverhältnisse erforderlich gewesen. Die tatsächlichen Abschlüsse in Höhe von 76 100 sprechen dafür, dass sich die Verhältnisse im Jahr 2006 gegenüber 2005 tatsächlich leicht gebessert haben.
Für eine »Vollversorgung« der Schulabgänger mit und ohne Hauptschulabschluss hätten dagegen gut 9 000 Verträge mehr als im Jahr 2005 abgeschlossen werden müssen. Dabei bezieht sich die »Vollversorgung« nur auf die Schulabgänger des Jahres 2006. Darüber hinaus gibt es aber noch eine beträchtliche Zahl an »Altbewerbern«, die bereits früher die Schule verlassen, aber bislang noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Diese Altbewerber bleiben im Rahmen dieser Modellrechnung außer Betracht.
Der Höhepunkt des Ausbildungsplatzbedarfs wird voraussichtlich im laufenden Jahr 2007 erreicht. Die Modellrechnung führt zu Ergebnissen von 75 600 Ausbildungsverträgen in Szenario 1 bis zu 82 800 Verträgen in Szenario 3. Danach ist – mit Ausnahme des Spezialfalls 2012 – mit durchgehend sinkenden Zahlen zu rechnen.
Im weiteren Verlauf der Modellrechnung führt dies früher oder später zu Resultaten, die unter dem Niveau von 2005 liegen. Für das »Status-quo-Szenario 1« ist dies bereits im Jahr 2010 der Fall (Schaubild 2). Im Jahr 2020 läge die Zahl der Ausbildungsverträge mit 60 500 sogar um rund 12 600 niedriger als 2005. Dies entspräche einem Rückgang um 17 %. Beim »Durchschnitts-Szenario 2« würde im Jahr 2011 die Zahl der Ausbildungsverträge aus dem Jahr 2005 unterschritten.
Das »Vollversorgungs-Szenario 3« führt deutlich später zu einem Unterschreiten des Niveaus von 2005: Erst im Jahr 2016 fällt dort die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge mit 73 000 knapp unter den Wert von 2005 (Schaubild 3). Doch auch in diesem Szenario ergibt sich bis 2020 ein deutlicher Rückgang auf nur noch 65 500 Neuabschlüsse, gut 10 % weniger als 2005.
In den nächsten Jahren dürfte nach den Ergebnissen dieser Modellrechnung die Anspannung auf dem Lehrstellenmarkt also eher noch zunehmen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung nicht für zusätzliche Ausbildungsplatzkapazitäten sorgt. Mittelfristig ist aber aus demographischen Gründen mit einer spürbaren Entspannung zu rechnen. In längerfristiger Betrachtung ist allerdings zu bedenken, dass es auch einmal schwierig werden könnte, qualifizierten Nachwuchs für altersbedingt ausscheidende Fachkräfte zu finden.
Für das Jahr 2012 ist neben der "üblichen" Nachfrage nach Ausbildungsplätzen noch die Wirkung des »doppelten« Abiturientenjahrgangs 2012 zu berücksichtigen. Um dessen Auswirkungen auf die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen abzuschätzen, wird zusätzlich zu den drei Grund-Szenarien jeweils noch eine "Variante B" für das Jahr 2012 berechnet. Dafür wird im ersten Schritt die Zahl der Erstsemester im Studienjahr 2005 mit in Baden-Württemberg erworbener Hochschulzugangsberechtigung ermittelt: Diese betrug 40 017. Unter der Annahme, dass diese Zahl der heutigen Studienplatzkapazität entspricht werden dazu die 16 000 Studienplätze addiert, die gemäß den Planungen des Wissenschaftsministeriums bis 2012 in Baden-Württemberg neu geschaffen werden sollen. Dies soll der Studienplatzkapazität 2012 entsprechen – ohne Berücksichtigung der Möglichkeit für hiesige Absolventen in anderen Bundesländern einen Studienplatz zu finden und ohne Berücksichtigung der Möglichkeit, dass auch auswärtige Schulabsolventen diese zusätzlichen Studienplätze in Anspruch nehmen können. Dabei wird vereinfachend angenommen, dass der Übertritt von Abiturienten in das duale System ohne Zeitverzögerung im Jahr 2012 erfolgen würde.
Da in den Szenarien 1 und 3 dieselben Ansätze für die Übergänge von Abiturienten in die duale Berufsausbildung zugrunde gelegt wurden, unterscheiden sich die Ergebnisse der Berechnung von Variante B in diesen beiden Fällen nicht. Über die Ergebnisse der Basis-Variante hinaus führt dies zu einer Nachfrage von weiteren 9 800 Ausbildungsplätzen (Schaubilder 2 und 3). Die niedrigere Übergangsquote für Schulabsolventen mit Hochschulzugangsberechtigung in Szenario 2 führt zu einer größeren »Versorgungslücke« für Abiturienten im Jahr 2012: In diesem Fall würden über 12 000 zusätzliche Ausbildungsplätze benötigt.
Gemessen an einer rein demographisch bedingten Entwicklung der Ausbildungsplatznachfrage ergibt sich in den Szenarien 1 und 3 jeweils eine zusätzliche Nachfrage von insgesamt rund 15 000 Ausbildungsplätzen durch den Abiturientenjahrgang 2012. Bei Variante 2 ist mit etwas über 16 000 zusätzlichen Ausbildungsplatznachfragern zu rechnen. In den Jahren ab 2012 ist also vorübergehend ein verstärkter Verdrängungswettbewerb auf dem Lehrstellenmarkt mit negativen Auswirkungen für Jugendliche mit Realschul- und Hauptschulabschluss zu erwarten. Möglicherweise werden diese dann in größerem Umfang vollzeitschulische Angebote in Anspruch nehmen wollen oder müssen.
| Modellrechnung zu Übergängen in das System der dualen Berufsausbildung | ||||
|---|---|---|---|---|
| Jahr | Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge insgesamt | |||
| Ist-Werte | Szenario 1 Status quo | Szenario 2 Durchschnitt 2001/05 | Szenario 3 Vollversorgung | |
| 2000 | 77.678 | X | X | X |
| 2001 | 77.401 | X | X | X |
| 2002 | 72.817 | X | X | X |
| 2003 | 71.703 | X | X | X |
| 2004 | 73.572 | X | X | X |
| 2005 | 73.076 | X | X | X |
| 2006 | X | 75.100 | 79.100 | 82.200 |
| 2007 | X | 75.600 | 79.400 | 82.800 |
| 2008 | X | 74.400 | 78.000 | 81.300 |
| 2009 | X | 73.300 | 76.500 | 79.700 |
| 2010 | X | 70.900 | 73.600 | 77.000 |
| 2011 | X | 69.300 | 72.200 | 75.200 |
| 2012 | X | 74.300 | 76.600 | 80.100 |
| 2013 | X | 70.300 | 73.100 | 76.100 |
| 2014 | X | 68.800 | 71.700 | 74.600 |
| 2015 | X | 68.300 | 71.200 | 73.900 |
| 2016 | X | 67.600 | 70.300 | 73.000 |
| 2017 | X | 65.700 | 68.200 | 71.000 |
| 2018 | X | 63.500 | 66.000 | 68.700 |
| 2019 | X | 61.900 | 64.400 | 67.000 |
| 2020 | X | 60.500 | 62.900 | 65.500 |
© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2007 | ^