Stuttgart, 23. April 2012 – Nr. 123/2012
Die Familien-Forschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt hat eine neue Online-Ausgabe des Reports »Familien in Baden-Württemberg« herausgegeben. Das Thema der aktuellen Ausgabe lautet »Einkommens- und Armutsverläufe von Familien«. Die Ergebnisse zeigen, dass zwei Drittel der Personen in Familien in Baden-Württemberg zwischen 2006 und 2010 nie armutsgefährdet waren. Hingegen war ein Drittel der Familien in diesem Zeitraum mindestens einmalig armutsgefährdet. Dabei ist die Armutsgefährdung überwiegend (zu 15 Prozent) von eher kurzer Dauer. Gleichzeitig gibt es jedoch einen Kern von 13 Prozent der Familien in Baden-Württemberg die in drei der fünf Jahren dauerhaft armutsgefährdet sind. Darunter in allen fünf Jahren armutsgefährdet sind 5 Prozent der Familien in Baden-Württemberg. Weitere 9 Prozent der Familienhaushalte pendeln zwischen Phasen mit und ohne Armutsgefährdung.
Im Vergleich zu Haushalten ohne Kinder sind Familien (also Paare mit Kindern sowie Alleinerziehende) sowohl häufiger als auch dauerhafter armutsgefährdet. Menschen in Familien hatten also häufiger in mindestens einem der fünf Jahre ein Einkommen, das bei weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der baden-württembergischen Gesamtbevölkerung lag. Im Rahmen des Reports wurde erstmals für Baden-Württemberg die Dauer und Dynamik der Armutsgefährdung von Familien im Längsschnitt mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels analysiert. Heute wurde der neue Report von Sozialministerin Katrin Altpeter und der Präsidentin des Statistischen Landesamtes, Dr. Carmina Brenner, der Presse vorgestellt.
Dabei gibt es große Unterschiede in Dauer und Dynamik der Armutsgefährdung je nach Familienform. Dies zeigt die Analyse anhand von so genannten Armutsprofilen. So sind von den Paaren mit Kind(ern) fast zwei Drittel im Untersuchungszeitraum nie armutsgefährdet. Wenn eine Armutsgefährdung vorliegt, dann überwiegend kurzzeitig für die Dauer von maximal einem Jahr (16 Prozent). Dauerhaft armutsgefährdet (drei Jahre und länger) sind 12 Prozent; weitere 7 Prozent sind wiederkehrend armutsgefährdet und erfahren mehrfache ein- bis zweijährige Armutsperioden, die von Phasen ohne Armutsgefährdung unterbrochen sind. Dahingegen sind unter den Alleinerziehenden 18 Prozent dauerhaft armutsgefährdet. Weitere 13 Prozent sind kurzzeitig armutsgefährdet und 16 Prozent der Alleinerziehenden sind wiederkehrend armutsgefährdet. Damit sind Alleinerziehende im Südwesten insgesamt zu 47 Prozent mindestens in einem von den 5 Jahren zwischen 2006 und 2010 armutsgefährdet gewesen. Häufiger als Alleinerziehende sind Personen in Familien mit drei und mehr Kindern mit rund 30 Prozent dauerhaft armutsgefährdet. Von den Familien mit Migrationshintergrund sind zwar nur 9 Prozent dauerhaft armutsgefährdet, dafür aber mit 16 Prozent überdurchschnittlich viele Personen wiederkehrend. Im Vergleich zu Familienhaushalten sind Personen in Haushalten ohne Kinder dagegen nur zu 4 Prozent dauerhaft armutsgefährdet, je 7 Prozent sind kurzzeitig oder wiederkehrend armutsgefährdet.
Ereignisse, die zu einer Armutsgefährdung führen können, sind zum Beispiel Arbeitsplatzverluste oder die Aufgabe der Erwerbstätigkeit sowie Trennungen, Scheidungen oder die Geburt eines Kindes. So ist ein Rückgang der Anzahl der Erwerbstätigen in einem Haushalt für 14 Prozent und Arbeitslosigkeit für 10 Prozent der Betroffenen mit dem Beginn einer Phase der Armutsgefährdung verbunden. Ebenso häufig (zu 13 Prozent) führt die Trennung oder Scheidung von der Partnerin bzw. dem Partner oder der Tod der Partnerin bzw. des Partners zu Armutsgefährdung. Der Verlust einer Partnerin bzw. eines Partners bedeutet häufig den Wegfall eines Teils des Haushaltseinkommens oder eines Erwerbseinkommens. Dies erklärt unter anderem die hohe Armutsgefährdung von Alleinerziehenden. Auch die Geburt eines Kindes geht für 8 Prozent der Bevölkerung mit dem Beginn eines Armutsrisikos einher. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Geburt eines Kindes per se das Armutsrisiko erhöht. So sind über vier Fünftel der Familien, in die ein Kind geboren wird, konstant nicht armutsgefährdet. Kommen jedoch weitere Risikofaktoren wie zum Beispiel Alleinerziehen, ein geringes Bildungsniveau oder Arbeitslosigkeit hinzu, kann die Geburt eines Kindes das Armutsrisiko deutlich erhöhen.
Auf Seiten der Wege aus Armutsgefährdung zeigt sich, dass durch die Aufnahme einer Beschäftigung nach Arbeitslosigkeit oder Nichterwerbstätigkeit es überdurchschnittlich vielen Menschen gelingt, ihre Armutsgefährdung wieder zu beenden. Dies zeigt die hohe Bedeutung von Erwerbsarbeit für die Einkommenslage von Familien. Die Prävention und Bekämpfung von Familien- und Kinderarmut bedeutet somit immer auch Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik für die Elterngeneration.
| Armutsprofile in Baden-Württemberg | |||
|---|---|---|---|
| Merkmal | Haushalte ohne Kinder | Paare mit Kind(ern) | Alleinerziehende |
| Prozent | |||
| Nie arm | 82 | 64 | 53 |
| Kurzzeitig arm | 7 | 16 | 13 |
| Wiederkehrend arm | 7 | 7 | 16 |
| Dauerhaft arm | 4 | 12 | 18 |
| Quote der dauerhaften Armutsgefährdung nach Altersgruppe | ||
|---|---|---|
| Land | unter 18-Jährige | Bevölkerung insgesamt |
| Prozent | ||
|
Anmerkung: Dauerhafte Armutsgefährung: Bevölkerungsanteil, dessen Äquivalenzeinkommen im aktuellen Jahr (2009) und in mindestens zwei der drei vorhergehenden Jahre unter der Armutsgrenze liegt. Für Dänemark, Finnland, Slowenien, Niederlande, Slowakei, Malta, Lettland und Griechenland ist das Referenzjahr 2008, für Italien 2007. Datenquelle: EU-SILC, Eurostat. | ||
| Norwegen | 3,1 | 5,7 |
| Dänemark | 3,5 | 4,9 |
| Österreich | 3,7 | 6,2 |
| Finnland | 4,1 | 7 |
| Deutschland | 5,4 | 8,1 |
| Island | 6,2 | 4,2 |
| Slowenien | 6,4 | 7,7 |
| Zypern | 7,4 | 11,3 |
| Niederlande | 7,8 | 6,4 |
| Frankreich | 9,1 | 6,2 |
| Slowakei | 9,4 | 4,9 |
| Belgien | 9,7 | 9,2 |
| UK | 10,9 | 8 |
| Malta | 11,5 | 6,8 |
| Lettland | 12,1 | 12,6 |
| Estland | 13,2 | 12,9 |
| Griechenland | 14,2 | 13,3 |
| Litauen | 14,3 | 11,7 |
| Luxemburg | 14,6 | 8,8 |
| Spanien | 14,8 | 11,3 |
| Polen | 15,8 | 10,2 |
| Ungarn | 16,6 | 8,6 |
| Italien | 20,9 | 14,6 |
infopunkt
Armutsgefährdung meint im Rahmen dieses Reports relative Einkommensarmut. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass armutsgefährdet ist, wessen Einkommen bei weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens (gemessen am Median) der Gesamtbevölkerung in Baden-Württemberg liegt. Ab diesem Schwellenwert geht man von einem erhöhten Armutsrisiko aus.
Der Report Familien in Baden-Württemberg wird im Rahmen der Familienberichterstattung des Landes quartalsweise von der FamilienForschung Baden-Württemberg im Statistischen Landesamt erstellt und erscheint ausschließlich in elektronischer Form. Er steht ab sofort auf den Websites des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg und der FamilienForschung Baden-Württemberg zum Download zur Verfügung und kann über die Homepage der FamilienForschung kostenlos abonniert werden.
Die nächste Ausgabe befasst sich mit dem Thema »Eltern- und Familienbildung: Aktuelle Entwicklungen – Interkulturelle Ausrichtung«.
Tel.: 0711/641-2451, E-Mail: Pressestelle
Tel.: 0711/641-2840, E-Mail: Tanja Zähle
URI: http://www.statistik-bw.de/Pressemitt/2012123.asp
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