149/2012

Stuttgart, 21. Mai 2012Nr. 149/2012

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Warum das Durchschnittsalter in Baden-Württemberg steigt

Brenner: Zu geringe Geburtenrate entscheidend für die enorme Alterung der Bevölkerung – Zuwanderung hat Alterungsprozess aber deutlich abgemildert

Die Einwohnerzahl Baden-Württembergs hat sich seit 1970 um rund 1,8 Mill. auf derzeit knapp 10,8 Mill. erhöht. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung im Land immer älter. 1970 lag das Durchschnittsalter noch bei unter 35 Jahren, heute sind die Baden-Württemberger im Schnitt knapp 43 Jahre alt. Ganz entscheidend für diese Entwicklung ist die seit Jahrzehnten zu geringe Geburtenhäufigkeit, sagte die Präsidentin des Statistischen Landesamtes, Dr. Carmina Brenner, heute vor der Presse. Erstmals habe das Statistisches Landesamt den Einfluss des niedrigen Geburtenniveaus, aber auch der deutlich gestiegenen Lebenserwartung und der zeitweise enormen Zuwanderung auf die Bevölkerungsentwicklung seit 1970 quantifiziert. Die Berechnungen erbrachten unter anderem folgende Ergebnisse:

  • Seit 1970 fehlen mehr als 2 Millionen Geburten. Diese Zahl ergibt sich dann, wenn die tatsächliche Geborenenzahl mit derjenigen verglichen wird, die für eine Bestandserhaltung der Bevölkerung erforderlich wäre, nämlich im Schnitt 2,1 Kinder je Frau. Dieser Wert wurde 1970 noch erreicht und ist dann aber innerhalb weniger Jahren deutlich zurückgegangen. Seit mehr als drei Jahrzehnten liegt die Geburtenrate relativ konstant bei nur noch 1,4 Kindern je Frau.
  • Bei einer in den letzten vier Jahrzehnten konstanten Geburtenrate von 2,1 und unter ansonsten unveränderten Bedingungen läge die Bevölkerungszahl Baden-Württembergs derzeit nicht bei knapp 10,8 Mill. sondern bei etwa 13,3 Mill. Die Einwohnerzahl wäre damit nicht nur um über ein Fünftel höher; die Bevölkerung wäre auch erheblich jünger – im Durchschnitt nur knapp 38 und nicht annähernd 43 Jahre! Der Anteil der Kinder und Jugendlichen im Alter von unter 15 Jahren würde heute immerhin fast 21 Prozent und nicht nur etwas mehr als 14 Prozent betragen.
  • Baden-Württemberg hat in den vergangenen Jahrzehnten erheblich von Zuwanderungen profitiert hat. Seit 1970 sind per Saldo rund 1,5 Mill. Menschen zugezogen. Dieser Zuzug hat nicht nur einen enormen Anstieg der Einwohnerzahl bewirkt, sondern auch, dass die Alterung der Bevölkerung abgeschwächt wurde. Denn die Zugezogenen waren und sind im Schnitt etwa 10 Jahre jünger als die einheimische Bevölkerung.
  • Ohne diese Zuwanderung wäre die Einwohnerzahl bis heute auf nur noch etwas mehr als 8,7 Mill. zurückgegangen. Im gesamten Betrachtungszeitraum wäre die Zahl der Lebendgeborenen nicht bei 4,1 Mill., sondern nur bei etwa 3,5 Mill. gelegen. Und ohne Zuwanderung läge das Durchschnittsalter der Bevölkerung heute nicht bei knapp 43 sondern sogar bei über 45 Jahren. Vor allem der Anteil der 65jährigen und Älteren wäre deutlich höher. Die Zuwanderung der letzten Jahrzehnte hat sich damit nachweislich in erheblichem Umfang »dämpfend« auf die Alterung der Bevölkerung ausgewirkt.
  • Die Lebenserwartung Neugeborener liegt um neun Jahre bei den Mädchen bzw. um zehn Jahre bei den Jungen höher als zu Beginn der 70er-Jahre. Wäre die Lebenserwartung seither unverändert geblieben, so wären statt knapp 99 000 Baden-Württemberger im Jahr 2010 immerhin rund 135 000 Einwohner gestorben. Im gesamten Betrachtungszeitraum, also innerhalb von knapp vier Jahrzehnten, wäre die Zahl der Gestorbenen um annähernd 900 000 höher gelegen. Entsprechend weniger Einwohner hätte heute das Land (9,8 Mill.), und das Durchschnittsalter wäre um gut zwei Jahre niedriger.
Bevölkerung in Baden-Württemberg 1970 und 2010
Bevölkerung / Lebendgeborene / GestorbeneEinheitTatsächliche ErgebnisseSzenario 11)Szenario 22)Szenario 33)
19702010

1) Geburtenrate von 1970 für den gesamten Betrachtungszeitraum

2) Sterblichkeitsverhältnbisse von 1970/72 für den gesamten Betrachtungszeitraum

3) Ohne Berücksichtigung der Wanderungen

Bevölkerung insgesamt1.0008.95410.75413.3139.8408.747
DurchschnittsalterJahre34,942,837,840,545,2
Anteil unter 15jährigeProzent24,314,220,715,012,9
Anteil 65jährige und ÄltereProzent11,819,415,714,723,9
Lebendgeborene1.000128911928963
Gestorbene1.000939910013596

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Hinweis

Ausführlicher beschrieben sind die Ergebnisse dieser Berechnungen in der Maiausgabe des Statistischen Monatshefts Baden-Württemberg.

Methodischer Ansatz für die durchgeführten Berechnungen:

Die Veränderung der Bevölkerungszahl innerhalb eines Jahres ergibt sich dadurch, dass die Zahl der Geborenen und der Zugezogenen zum Anfangsbestand hinzuaddiert und die der Gestorbenen und der Fortgezogenen eines Jahres subtrahiert wird. Um zu ermitteln, welchen Einfluss ein (völlig) anderes Niveau der einzelnen Komponenten auf die Bevölkerungsentwicklung gehabt hätte, musste in einem ersten Schritt die vergangene Entwicklung simuliert werden. Hierzu wurden zunächst alters- und geschlechtsspezifische Zu- und Fortzugsraten durch Bezug auf die jeweilige Bevölkerung berechnet.

Die benötigten Geburtenraten standen bereits aus entsprechenden Auswertungen zur Verfügung, ebenso die alters- und geschlechtsspezifische Sterberaten, die den jeweiligen Sterbetafelberechnungen entnommen und für Zwischenjahre intrapoliert wurden. Durch Multiplikation dieser Geburten-, Sterbe-, Zu- und Fortzugsraten mit den entsprechenden Beständen wurden die simulierten Ergebnisse erzeugt. In einem zweiten Schritt wurden dann die »Szenario-Berechnungen« durchgeführt: Im Szenario 1 wurde unterstellt, dass die altersspezifischen Geburtenraten des Jahres 1970 für den gesamten Betrachtungszeitraum gültig sein sollen, während die übrigen Parameter unverändert blieben. Im Szenario 2 wurde dann die Lebenserwartung der Sterbetafel 1970/72 zugrunde gelegt, im Szenario 3 wurde ermittelt, wie sich die Bevölkerung ohne Zuwanderung entwickelt hätte.


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