2010-5

Reurbanisierung in der Region Stuttgart

Heike Schmidt

PDF-Version des kompletten Aufsatzes mit Tabellen, Grafiken und Schaubildern (579,8 KB)

Nach vielen Jahren der Suburbanisierung haben die Städte bzw. Zentren ihre Position im Wanderungsgeschehen wieder verbessert und sind inzwischen die Wanderungsgewinner. Dennoch ist Reurbanisierung kein flächendeckender Trend. Bei einer großräumigen Betrachtung nach den Regionen des Landes zeigen sich aber für 10 Regionen Reurbanisierungstendenzen. Die Region Stuttgart gehört dazu. An ihrem Beispiel lässt sich dann auch die geänderte Position der Stadt Stuttgart belegen. Diese gewann seit der Jahrhundertwende zunehmend im regionalen Wanderungsgeschehen.

Insgesamt sind die Wanderungsgewinne Baden-Württembergs in den letzten Jahren zurückgegangen. Baden-Württemberg hatte 2008 nur noch einen Wanderungsgewinn von 4 400 Personen. Damit gibt es auch weniger Wanderungsgewinne »von außen« im Land zu verteilen. Die Quelle »Fernwanderung«, von der die Städte durchaus profitierten, ist geringer geworden. Aber die Städte stellen sich in jüngerer Zeit im Allgemeinen besser als ihr Umland. Getragen wird dieser Prozess bisher vor allem von Ausbildungs- und Berufsstarter-Wanderung.

Verbesserte Position der Städte im Wanderungsgeschehen | ^

Bei einer Analyse der Wanderungsgeschehnisse nach Gemeindegrößenklassen zeigt sich, dass die Städte ihre relative Position deutlich verbessern konnten. Während im Zeitraum 1995 bis 2000 in großen Städten ab 250 000 Einwohnern der normierte Wanderungssaldo, das ist der Wanderungsgewinn bzw. -verlust bezogen auf je 1 000 Einwohner, negativ und in Gemeinden unter 20 000 Einwohnern überdurchschnittlich gut war, haben in der Folgeperiode 2001 bis 2007 die Kommunen ab 20 000 Einwohner hinsichtlich des Wanderungsgewinns besser abgeschnitten als kleine Kommunen.1

Die aktuellsten Zahlen der Jahre 2007 und 2008 belegen ergänzend, dass inzwischen die kleineren Kommunen fühlbar bei der Verteilung der Wanderungen im Land verlieren. Vereinfacht gesagt gilt: Je kleiner die Kommune, desto deutlicher ist der Verlust. Und – wenn auch mit Einschränkung: Je größer die Stadt, desto höher sind inzwischen die Wanderungsgewinne. Besonders herausragend erschienen die relativen Wanderungsgewinne der Städte in der Größenklasse 250 000 bis 500 000 Einwohner. Und schließlich hat sich auch die Stadt Stuttgart als Zentrum der Region im Wanderungsgeschehen sukzessive neu platziert.

Wanderungsverluste der Stadt Stuttgart in Zeiten der Suburbanisierung | ^

Am Beispiel der Region Stuttgart lässt sich dann auch gut belegen, dass die Wanderungsgewinne in Zeiten der Suburbanisierung mit zunehmender Entfernung zum Zentrum eher größer wurden. Die Gemeinden der Region Stuttgart wurden hierbei nach ihrer Entfernung in Ringen von jeweils 10 km Schritten um die Stadt Stuttgart zugeordnet.

Stuttgart selbst musste in den Jahren 1995 bis 2000 Wanderungsverluste hinnehmen, und zwar von jährlich gut einer Person je 1 000 Einwohner (Schaubild 1). Dagegen gewannen die in den Umlandringen der Stadt befindlichen Gemeinden der Region Stuttgart Einwohner hinzu, und zwar mit größer werdender Entfernung eher umso mehr. Den höchsten Zuspruch hatten durchschnittlich die Gemeinden mit einer Entfernung zwischen 20 und 30 km zur Stadt (nicht ganz 4 Personen je 1 000 Einwohner). An zweiter Stelle stand sogar der äußerste Ring (über 30 km Entfernung) zur Stadt mit einem normierten Wanderungsgewinn von etwa 3 Personen.

Nach der Jahrtausendwende legte zunächst der erste Ring um Stuttgart ganz erheblich zu und die äußeren Ringe schnitten schlechter ab als in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre. Etwa 4 Personen je 1 000 Einwohner gewannen die im ersten Ring um die Stadt vereinten Gemeinden hinzu. Auch die Stadt Stuttgart schnitt mit einem normierten Wanderungsgewinn von 3 Personen erheblich besser ab als im vorher betrachteten Zeitraum. Die Gewinne der 10 km und mehr entfernten Umlandringe sanken dagegen sichtbar und wurden schließlich sogar negativ (Schaubild 2).

Inzwischen Wanderungsgewinne und eine gute Position in der Region | ^

Mit dem Wanderungsgewinn von gut 4 Personen je 1 000 Einwohner der Jahre 2007/08 steht die Stadt im Vergleich zu den sie umgebenden Ringen nun in der Region vorn. Der Ring im Radius bis 10 km gewann ebenfalls noch hinzu, nämlich gut 2 Personen. Dagegen verloren die Ringe ab 10 km Entfernung zur Stadt tendenziell stärker werdend. Einzig für das Verhältnis der Ringe mit 10 bis 20 km und 20 bis 30 km gilt dies nicht so stringent. Sie unterscheiden sich aber mit den relativen Wanderungsverlusten von – 0,5 und – 0,7 Personen nur gering voneinander. Je weiter weg vom Zentrum, kann man also sagen, desto geringer war der Wanderungsgewinn bzw. desto stärker der Verlust. Die Darstellung der Ringe mittels ihrer Durchschnittswerte verbirgt zwar die kommunalen Besonderheiten, macht aber den neuen Trend sichtbar.

Natürlich gibt es in den jeweiligen Ringen auch Kommunen, die zum Teil deutlich herausragende Entwicklungen aufweisen. Das Muster, das sich bei expliziter Betrachtung der relativen Wanderungsgewinne der einzelnen Gemeinden ergibt, ist daher nicht so deutlich wie die Darstellung mittels der Durchschnittswerte (Schaubild 3). Sehr eindeutig zeigt sich dies zum Beispiel bei der Betrachtung der im äußersten Ring befindlichen Gemeinden des Kreises Göppingen. Mit zunehmender Entfernung zur Stadt Stuttgart nehmen die intensiv rot eingefärbten Gemeinden, das sind die Gemeinden der Gruppe mit höchsten relativen Wanderungsverlusten, zu. Auch wird deutlich, dass die relativen Wanderungsgewinne einiger Gemeinden durchaus den Stuttgarter Wert übertreffen. So wies zum Beispiel die dem ersten Kreis um die Stadt zugeordnete Gemeinde Ostfildern einen Wanderungsgewinn von 11 Personen je 1 000 Einwohner im Schnitt der Jahre 2007/08 auf, während Esslingen am Neckar, ebenfalls im ersten Ring liegend, 1 Person je 1 000 Einwohner verlor.

Bei der Interpretation ist daher Vorsicht geboten, denn die zufälligen Einflüsse auf die einzelnen Gemeinden, die auch stark temporärer Natur sein können, sind groß. So wies beispielsweise die im Rems-Murr-Kreis angesiedelte Gemeinde Spiegelberg trotz Ihrer Zuordnung zum hier äußersten und am stärksten verlierenden Entfernungsring (über 30 km) in den Jahren 2007/08 eine vergleichsweise positive Wanderungsbilanz aus. Dem gingen aber zwischen 2003 und 2005 durchaus negative Bilanzen voraus. Insbesondere das Jahr 2008 hob die Gemeinde auf das hier dargestellte Niveau. Dagegen wies die benachbarte Gemeinde Großerlach in den letzten 10 Jahren kontinuierlich eine positive Wanderungsbilanz auf, wenn auch mit inzwischen rückläufigen Werten. Trotz der heterogenen Entwicklung der einzelnen Gemeinden bestätigt sich das schon beschriebene Ergebnis. Reurbanisierung ist inzwischen eine messbare Entwicklung und die Region Stuttgart ist von diesem Strukturwandel betroffen.

1 Die hier dargestellten Ergebnisse basieren auf dem methodischen Ansatz einer Analyse von Werner Brachat-Schwarz. Siehe Brachat-Schwarz, Werner: »Reurbanisierung – Gibt es eine »Renaissance der Städte« in Baden-Württemberg?«, in: »Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 11/2008«.


© Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart, 2014 | ^