Methodik der regionalisierten Bevölkerungsvorausrechnung mit Basis 2017

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg legt mit dem Basisjahr 2017 eine neue regionalisierte Bevölkerungsvorausrechnung vor, die den aktuellen Entwicklungen Rechnung tragen soll. Die Ergebnisse sind dabei – wie bei der Landesvorausrechnung – nicht eine Prognose, sondern eine Fortschreibung der Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre unter bestimmten Annahmen. Die Einflussfaktoren der Bevölkerungsentwicklung sind die Geburten- und Sterbezahlen sowie die Zu- und Abwanderung aus bzw. in bestimmte Gebiete.

Ausgangslage der Berechnungen ist der Bevölkerungsstand1 in den Kommunen zum 31. Dezember 2017 gegliedert nach 100 Altersjahren und Geschlecht. Die Regionalergebnisse stehen für alle Gemeinden, Kreise, Regionen und Regierungsbezirke sowie für das Land Baden-Württemberg vom Jahr 2018 bis 2035 zur Verfügung. Die Landesvorausrechnung und die regionalisierte Vorausrechnung fußen dabei auf denselben Annahmen.

Annahmen

Geburtenrate

Als Grundlage für die angenommene Geburtenrate dient der Durchschnitt der Geburtenraten von 2015 bis 2017. Der ermittelte Wert beträgt 1,56 Kinder je Frau. Diese im Vergleich zu den vorherigen Jahrzehnten im Schnitt sehr hohe Geburtenrate resultiert aus dem Anstieg der Geburtenrate in den letzten Jahren. 2016 wurden in Baden-Württemberg im Schnitt 1,59 Kinder je Frau geboren, was dem höchsten Wert seit 1973 entspricht.

Da diese angenommene Geburtenrate deutlich höher als in den letzten Vorausrechnungen liegt, wurde eine weitere Variante berechnet, welche die durchschnittliche Geburtenrate der letzten vierzig Jahre enthält. Diese sogenannte Nebenvariante unterscheidet sich von der Hauptvariante ausschließlich in einer niedrigeren Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau. Da angenommen wird, dass diese Entwicklung erst langsam eintritt, wird die derzeitige Geburtenrate bis 2020 auf 1,4 abgeschmolzen und verbleibt im Anschluss auf diesem Niveau.

Lebenserwartung

In den vergangenen sechs Jahrzehnten hat die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener um rund 15 Jahre zugenommen. Heute hat ein neugeborenes Mädchen die Aussicht auf eine Lebenserwartung von durchschnittlich 84 Jahren, bei den Jungen sind es 79,5 Jahre. Auch künftig dürfte die Lebenserwartung der Menschen in Baden‑Württemberg etwa durch medizinische Fortschritte weiter ansteigen. Für die Bevölkerungsvorausrechnung wird von einer Zunahme der Lebenserwartung von circa zwei Jahren bis 2035 ausgegangen. Bei den Männern entspräche dies 2035 einer Lebenserwartung von 82,2 Jahren und bei den Frauen von 86,4 Jahren. Damit wird unterstellt, dass sich der künftige Anstieg bei der Lebenserwartung im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten etwas abschwächt.

Zu- und Abwanderungen über die Landesgrenze

Seit Bestehen des Landes Baden‑Württemberg gab es neben Perioden mit hohen Wanderungsgewinnen auch Jahre, in denen der Wanderungssaldo eher gering oder sogar negativ ausfiel. Insbesondere im Jahr 2015 haben die Wanderungsgewinne aufgrund der Zuwanderung von Schutzsuchenden ein sehr hohes Niveau erreicht, nachdem erst wenige Jahre zuvor nur relativ wenige Menschen per Saldo in den Südwesten zugezogen sind2. Momentan fällt es deshalb besonders schwer, das künftige Wanderungsgeschehen abzuschätzen. Die Historie lässt vermuten, dass das hohe Zuwanderungsniveau mittel- und langfristig wieder sinken wird. Für diese Annahme spricht zum einen, dass nach rund zwei Jahrzehnten, in denen Baden-Württemberg von hohen Wanderungsgewinnen gegenüber dem übrigen Bundesgebiet profitieren konnte, dieser Zustrom zunehmend versiegt ist und sich sogar zeitweise in Wanderungsverluste umgekehrt hat; zum anderen ist ein solcher Trend deshalb zu erwarten, weil aus den europäischen Hauptherkunftsgebieten die besonders »wanderungsaktive« junge Bevölkerung aufgrund der Altersstruktur zahlenmäßig zurückgehen wird. Und schließlich ist zwischenzeitlich auch die Zahl der Schutzsuchenden gegenüber 2015 wieder deutlich zurückgegangen3.

Wie sich die Wanderungen in Zukunft verändern werden, ist somit ungewiss. Für die Berechnung wurde ein noch relativ hoher Wanderungssaldo bis Mitte der 2020er Jahre angenommen, der sich bis 2035 wieder an die Entwicklung der 2000er Jahre anpasst. In der Hauptvariante sowie der Nebenvariante wurde für den gesamten Vorausrechnungszeitraum (2018 bis 2035) somit ein positiver Wanderungssaldo für Baden-Württemberg in Höhe von 632 700 Personen unterstellt, was im Durchschnitt einem jährlichen Wanderungsplus von 34 600 Personen entspricht. Diese Annahme entspricht der Hauptvariante der Landesvorausrechnung, welche von einem Wanderungsplus von 1,12 Millionen Personen bis 2060 ausgeht.

Vorgehen

Herausfordernde Rahmenbedingungen

Die aktuelle Bevölkerungsvorausrechnung mit dem Basisjahr 2017 stellt auf regionaler Ebene eine herausfordernde Besonderheit dar, da die Entwicklung der vergangenen Jahre, auf welchen die Fortschreibung basiert, mehr als unstet war: Zeitgleich zum deutlichen Anstieg und anschließendem leichten Absinken der Geburtenrate variierte das Wanderungsgeschehen sehr stark. Eine starke Variation der Zu- und Abwanderungszahlen führt bei einer Fortschreibung zu ungenaueren Ergebnissen, welche aber durch das Berechnungsmodell zu großen Teilen ausgeglichen werden kann. Zusätzlich dazu erschwerten insbesondere die Fluchtbewegungen die Vorausrechnung, da es im Zuge dessen zu »unfreiwilligen« Wanderungen kam. Sie entstanden dadurch, dass Schutzsuchende zunächst in den verschiedenen Landeserstaufnahmestellen (LEA) registriert, anschließend aber auf unterschiedliche Gemeinden in ganz Baden-Württemberg verteilt wurden. Dadurch entstanden in den Städten mit LEA sehr hohe Zu- und Abwanderungszahlen, ebenso wie in den Gemeinden, welche Schutzsuchende aufnahmen. Wie viele Personen dabei in bestimmte Gemeinden gezogen sind, wurde nicht von den Zuziehenden selbst bestimmt, sondern vor allem dadurch, wo es Platz für Schutzsuchende gab – sie wurden den Gemeinden teilweise in hoher Zahl zugewiesen.

Diese »unfreiwilligen« Wanderungen sagen demnach nichts darüber aus, wie viel Zu- oder Abwanderungen es in den kommenden Jahren geben wird, sondern verzerren vielmehr die Vorausrechnungsergebnisse, da sie auf keiner freien Ortswahl beruhen. Sie schreiben Gemeinden hohe Wanderungssalden zu, die unter anderen Umständen vielleicht einen negativen Wanderungssaldo aufgewiesen hätten. Da diese erhöhten Zu- und Abwanderungszahlen aber in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in diesem Ausmaß wieder eintreten werden und sie zudem nichts über die tatsächliche Attraktivität der Gemeinden und Kreise aussagen, dürfen diese Wanderungen nicht in das Modell einfließen. Schutzsuchende als solche können in der Wanderungsstatistik jedoch nicht eindeutig identifiziert werden, weshalb ein Weg gefunden werden musste, wie diese Wanderungen die Bevölkerungsentwicklungs-Fortschreibung nicht zu stark beeinflussen. Um die aktuelle Struktur der Wandernden abzubilden und die unfreiwilligen Wanderungen von Schutzsuchenden nicht in die Zukunft fortzuschreiben, wurden deshalb bei den Wanderungsbewegungen die Wanderungen von Personen zwischen 18 und 35 Jahren mit Staatsangehörigkeiten, deren Inhaber größtenteils Schutzsuchende sind, nicht miteinberechnet4. Dadurch wird verhindert, dass die Zuweisung von Schutzsuchenden auf Gemeinden, welche kurzfristiger Natur war, die Bevölkerungsvorausrechnung beeinflusst. Die vorgelegten Ergebnisse müssen mit Beachtung dieser speziellen Situation interpretiert werden.

Die Methodik

Die Vorausrechnung ist bezüglich der Wanderung innerhalb des Landes eine Status-quo-Rechnung, d. h. sie schreibt die Wanderungsverhältnisse des Stützzeitraumes, in diesem Fall der Jahre 2016 und 2017, fort. Wachstumsrestriktionen, die sich vor allem in den großen Städten aufgrund mangelnder Flächenverfügbarkeit ergeben können, werden nicht berücksichtigt. Das bedeutet, dass Gemeinden und Kreise ihre vorausgerechneten Ergebnisse mit Hilfe ihres lokalen Wissens, insbesondere unter Beachtung von derzeitigen Bauprojekten und Unternehmensgründungen oder -schließungen, interpretieren sollten. Die Methodik entspricht grundlegend den Vorausrechnungen mit Basis 2012 und 2014. Für ausführliche Informationen hierzu wird auf den Methodenartikel im Monatsheft 10/2014 verwiesen. Weiterführende Informationen zur aktuellen Vorausrechnung werden in einem Monatsheftartikel veröffentlicht.

Da die Vorausrechnungen nicht für jede der 1 101 Gemeinden einzeln gerechnet werden kann, ist es für die Berechnung notwendig, Gebietseinheiten zu Typen mit ähnlicher Struktur zusammenzufassen. Dafür wurde ein Clusterverfahren eingesetzt, welches ähnliche Gemeindetypen in Bezug auf ihren Einfamilienhausanteil, der Erreichbarkeit sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze und der Pflegeplatzdichte ermittelt. Die Ergebnisse der Clusteranalyse wurden geprüft; dabei wurde insbesondere die Einheitlichkeit der Wanderungssalden verschiedener Altersgruppen, die Geburtenrate sowie die Sterbewahrscheinlichkeit über mehrere Zeiträume hinweg kontrolliert. Gab es starke Abweichungen vom Typdurchschnitt, wurde die Gemeinde manuell einem geeigneteren Typ zugeordnet. Stadtkreise, Oberzentren und größere Hochschulstandorte wurden eigenen, manuell gebildeten Typen, zugewiesen. Insgesamt konnten demnach 15 Binnenwanderungs-Typen, 14 Geburten-Typen und 4 Sterbe-Typen der Gemeinden ermittelt werden. Außerdem wurden zwei Außenwanderungs-Typen berechnet, um die stark gestiegene Zuwanderung aus dem Ausland einordnen zu können. Im Gegensatz dazu schwankte die Wanderung mit anderen Bundesländern nur leicht.

Stützzeiträume

Die Quoten zur Entwicklung von Geburten und Sterbefällen sowie die regionalen Wanderungsverhältnisse werden gestützt auf einen zurückliegenden Zeitraum berechnet. Bezüglich der Geburten und der Sterbefälle wurden als Stützzeitraum die Jahre 2014, 2015, 2016 und 2017 gewählt. Bezüglich der Wanderungen wurden die Jahre 2016 und 2017 zugrunde gelegt.

Modellrechnung ohne Wanderungen

Zusätzlich zur Nebenvariante wurde eine Modellrechnung ohne Wanderungen erstellt. Sie gibt die fiktive Bevölkerungsentwicklung wider, als würde es keine Wanderungen zwischen den Gemeinden und über die Landesgrenze hinweg geben. Als Grundlage dienen dabei dieselben Annahmen wie bei der Haupt- und Nebenvariante. Sie zeigt, wie sich unter der theoretischen Bedingung fehlender Außenbeziehungen die Bevölkerungszahl und -struktur verändern würde. Ihr Nutzen ist analytischer Natur: Durch den Vergleich der Hauptvariante mit der Modellrechnung ohne Wanderungen zeigt sich erst der große Effekt von Wanderung auf die Bevölkerungsentwicklung. Die Modellrechnung beschreibt jedoch keine realistische Entwicklungsperspektive. Das gilt auch für Gemeinden, in denen keine über die Eigenentwicklung hinausgehende Siedlungstätigkeit angestrebt ist. Auch in diesen Gemeinden finden in erheblichem Umfang Wanderungen über die Gemeindegrenzen (z. B. zu Ausbildungs-, Paarbildungs- und Erwerbszwecken) statt.

Sondersituation Stuttgart, Mannheim und Ulm

Die Werte jener Clustertypen, welche über einen hohen Anteil ausländischer Bevölkerung verfügen, der weniger aufgrund der Wanderungsbewegungen Schutzsuchender zustande gekommen ist, werden durch den Ausschluss der Wanderungen bestimmter Gruppen etwas verzerrt. Deshalb wurden im Zuge der Berechnungen Glättungen für die Kreise Mannheim, Stuttgart und Ulm vorgenommen.